An einen Klassiker wie Kleists „Zerbrochener Krug" muss man sich erst einmal trauen. Die Sprache ist für heutige Ohren sperrig, die Handlung fest im historischen Kontext verwoben und zentrale Konflikte sind für die moderne Zuschauende oft nicht direkt erkennbar. Unseren Q1-Literaturkursen ist es unter der Leitung von Frau Spurzem und Herrn Wahl gelungen, das Stück von 1808 sehr überzeugend in die heutige Zeit zu bringen.  

Aus dem zerbrochenen Krug, der auf einen sexuellen Übergriff anspielt, wurde ein beschädigtes Kleid. Von den vielen Themen, die Kleists Stück aufgreift, hat der Kurs eines herausgestellt: die sexuelle Gewalt, den Übergriff des Richters Adam auf Eve Roll. Dieser Schwerpunkt ist umso spannender, als dieses Thema in der historischen Aufführungspraxis oft nur eine Randrolle spielte – in der heutigen Welt aber besonders besondere Aufmerksamkeit bekommt.  

Die Kurse haben die Geschichte dieses sexuellen Übergriffs hervorragend umgesetzt. Schauspielerisch trafen sie alle Stimmungen, die das Stück enthält: absurde Momente wie die Widersinnigkeit des Justizsystems, komische Passagen wie den Versuch des Richters Adam, den Gerichtsrat Walter um den Finger zu wickeln, und dramatische Stellen wie Eves Bericht über den Übergriff.  

Choreographierte Bewegungen unterstützten die zentralen Aussagen. Eve verstrickte sich symbolisch in rote Schlingen, die von Richter Adam, ihrem Vergewaltiger, ausgelegt wurden. Die Bühne wurde von einer gigantischen Waage dominiert, die die Gerechtigkeit oder eben ihr Fehlen darstellte. Ein Kunst-EF-Kurs hatte passende Requisiten erstellt, die optische Hingucker waren. Die Kurse gestalteten das fast 220 Jahre alte Stück so fesselnd, dass der Theaterabend nicht nur inhaltlich stark, sondern auch außerordentlich kurzweilig war.  

Ja, Klassiker wie Kleists „Zerbrochenen Krug" kann und sollte man heute noch auf die Bühne bringen – am liebsten, wenn das so fundiert und leidenschaftlich geschieht wie in dieser Aufführung. [WEI]